Club Italia: „Im Finale Deutschland die Daumen drücken“

28. Juni 2012 – Cristiano Ronaldo oder Bastian Schweinsteiger? Robin van Persie oder Lukas Podolski? Nicklas Bendtner oder Mario Gomez? Buffon oder Neuer? Wem die Daumen drücken? In manchem deutschen Amateurverein mit ausländischen Wurzeln kommt es während der EURO zu Interessenskonflikten. Dort können bei den deutschen Partien verschiedene Herzen in einer Brust schlagen. DFB.de stellt Beispiele vor. Heute, vor dem Halbfinale am Donnerstag (ab 20.45 Uhr, live in der ARD) gegen Italien, den Club Italia Berlino.
Giovanni Bruno liebt Italien, natürlich, da ist er geboren. Aber Giovanni Bruno liebt auch Deutschland, hier lebt er, hier ist inzwischen seine Heimat. Deshalb wird Donnerstag (ab 20.45 Uhr, live in der ARD) für ihn ein ganz besonderer Tag. Deutschland gegen Italien, Halbfinale der EURO in Warschau. „Ein Klassiker, ganz einfach“, sagt Bruno. „Die bessere Mannschaft soll gewinnen. Es wäre schön, wenn das die Squadra Azzurra wäre. Aber auch jeden Fall ist eines meiner beiden Länder im Endspiel.“
Bruno ist Vizepräsident von Club Italia Berlino, dem einzigen italienischen Fußballverein in der Hauptstadt, wie er stolz erzählt. Aber am Donnerstagabend ist er vor allem ein Gewinner, er kann sich freuen, jubeln, das Trikot des Siegers überziehen. Egal, wie das Duell ausgeht. Bis Mitte der Woche war er noch in Italien, Urlaub bei der Familie. Aber pünktlich zum Anstoß haben sie sich alle in einem italienischen Lokal verabredet – Freunde, Verwandte, Vereinskollegen. Das Spiel wird gefeiert, das Spiel wird ein Fest.

Perfekte Mischung der Kulturen

Der Club Italia Berlino ist ein typisches Beispiel für die perfekte Vermischung der Kulturen. Den Stamm der ersten Herrenmannschaft bilden Italiener. Es sind Fußballer, die meist hier geboren wurden, die aber mindestens ein italienisches Elternteil haben. Außerdem gibt es eine große deutsche Gruppe, ein paar Nordafrikaner und ein paar Spieler aus dem ehemaligen Jugoslawien. Und die Gemeinschaft funktioniert ganz hervorragend, das zeigt die gerade beendete Saison.
Wahrscheinlich war es die erfolgreichste Spielzeit der Vereinsgeschichte. Beide Herrenmannschaften sind aufgestiegen, das schaffen nur Freunde. Die zweite von der C- in die B-Kreisliga. Die erste in die Verbandsliga, teilweise waren über 1500 Besucher bei den Heimspielen. Es war ein dramatischer letzter Spieltag. Der Club Italia Berlino brauchte beim BSV Eintracht Mahlsdorf einen Sieg – und gewann tatsächlich trotz dreier Platzverweise mit 3:2. Gleichzeitig musste der SC Charlottenburg gegen den BFC Dynamo patzten. Und auch das trat ein, der Lokalkonkurrent kassierte kurz vor Schluss das 2:2. Danach gab es nur noch Jubel, Trubel, Heiterkeit auf Italienisch.
Der Club Italia Berlino ist noch relativ jung für einen Fußballverein. Vor diesem Hintergrund ist der Aufstieg in die sechsthöchste Spielklasse durchaus beachtlich. Begonnen hat alles 1980, damals noch in einer Freizeitliga. Professioneller wurde es 1986 mit der Vereinsgründung. Seitdem geht es vor allem aufwärts.

Deutschland oder Italien?

Und auch die alten Herren können ganz gut mit dem Ball umgehen. Giovanni Bruno ist hier einer der Strategen im Mittelfeld – und mit 52 Jahren ein wichtiger Leistungsträger. Zudem gibt es noch sechs Jugendteams – dort haben sogar geschätzt 80 Prozent aller Talente irgendwelche italienischen Wurzeln. Sie tragen das Nationaltrikot der DFB-Auswahl genauso mit Stolz wie das von Andrea Pirlo, Antonio Cassano oder Daniele de Rossi.
Aber am Donnerstagabend, da werden sie alle gemeinsam gebannt auf die Großbildfernseher und Leinwände schauen. „Viele unserer Jugendlichen sprechen deutsch genauso gut wie italienisch, da hört man keinen Unterschied mehr“, sagt Bruno. „Aber sie werden in ihren Sympathien natürlich noch von den Eltern beeinflusst. Da ist es wahrscheinlich ganz normal, dass sie in erster Linie der italienischen Mannschaft die Daumen drücken. Wenn jedoch Deutschland ins Endspiel einzieht, dann halten wir alle gemeinsam zu Jogi Löw und seinen Spielern. Deutschland oder Italien – eine dieser beiden Nationen muss sich einfach den Titel holen.“
Aber machen ihnen die Auftritte der DFB-Auswahl bislang nicht auch Angst? Das souveräne Bestehen der Gruppenphase mit den gefährlichen Gegnern Portugal, Niederlande, Dänemark? Der starke Auftritt im Viertelfinale gegen Griechenland? „Doch, natürlich“, sagt Bruno eindringlich. „Deutschland hat mich bislang überzeugt. Aber auch die Italiener haben sich gesteigert. Ich denke mit Schrecken an das 0:3 in der Vorbereitung gegen die Ukraine zurück. Gegen England zuletzt war es wirklich gut, trotz des dramatischen Elfmeterschießens. Jetzt freue ich mich auf Deutschland, das wird eine tolle Begegnung mit der entsprechenden Vergangenheit.“
[SW]